Sehr geehrte Leser_Innen,
hiermit erklären wir das Projekt Carpe Diem für beendet. Unsere Arbeit führen wir jedoch an anderer Stelle fort. Alle zukünftigen Texte werden auf unserem neuen Blog sans rêve et sans merci veröffentlicht.
Zu den Gründen unseres Umzugs: Wir haben nach 2 Jahren des Veröffentlichens unter dem Namen festgestellt, dass a) Carpe Diem das Arschgeweih unter den Lebensmottos ist und b) der Titel nicht, aber auch gar nicht mit unserer persönlichen Lebensphilosophie und Arbeit korrespondiert.
Gruß
Die Redaktion
Die hier als Auszug einer Audio-Aufnahme vorliegende Rede wurde von David Foster Wallace im Jahr 2005 am Kenyon College in Gambier, Ohio gehalten und unter dem Titel „This is Water“ veröffentlicht.
Biographische Eckdaten
David Foster Wallace, geboren am 21. Februar 1962 in Ithaka entstammt einer akademischen Familie und studierte zunächst Logik und Mathematik, anschließend Philosophie und Literaturwissenschaft. Er war Professor für Englische Literatur in Claremont, Kalifornien. Zuletzt unterrichtete er Creative Writing am Pomona College.
Zudem war er als Essayist und Schriftsteller tätig. Besondere Beachtung fand sein erst 2009 ins Deutsche übersetztes Großwerk, der Titel beschreibt in diesem Fall auch den Umfang, es umfasst mehr als 1500 Seiten, „Unendlicher Spass“ (engl. Original: Infinite Jest). Dieses erschien im ameriknichn Original bereits 1996.
Wallace litt jahrelang an einer schweren Depressionserkrankung und nach eigenen Angaben an einer abgeschwächten Form der Agoraphobie, wie man seinem Reisebericht „A Supposedly Fun Thing I’ll Never Do Again“ entnehmen kann. Die Antidepressiva, die er nahm, setzte er hab, da sie ihn am Schreiben hinderten. 2008 beging er Suizid.
„Es ist sinnenklar, daß der Mensch durch seine Tätigkeit Formen der Naturstoffe in einer ihm nützlichen Weise verändert. Die Form des Holzes zum Beispiel wird verändert, wenn man aus ihm einen Tisch macht. Nichtsdestoweniger bleibt der Tisch Holz, ein ordinäres sinnliches Ding. Aber sobald er als Ware auftritt, verwandelt er sich in ein sinnlich übersinnliches Ding. Der steht nicht nur mit seinen Füßen auf dem Boden, sondern er stellt sich allen anderen Waren gegenüber auf den Kopf, und entwickelt aus seinem Holzkopf Grillen, viel wunderlicher, als wenn er aus freien Stücken zu tanzen begänne.“
„Das geheimnisvolle der Warenform besteht also darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eigenen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtheit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen.“
„Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher einer Analogie zu finden kommen, müssen wir in die Nebenregion der religiösen Welt flüchten. Hier einen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eigenem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbstständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren Produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.“
(Karl Marx, Kapital Band I, Kapitel 1.IV „Der Fetisch-Charakter der Ware und sein Geheimnis“)
„Drei Züge jedoch sind schon der Gegenwart an dieser religiösen Struktur des Kapitalismus erkennbar. Erstens ist der Kapitalismus eine reine Kultreligion, vielleicht die extremste, die es je gegeben hat. Es hat in ihm alles nur unmittelbar mit Beziehung auf den Kultus Bedeutung, er kennt keine spezielle Dogmatik, keine Theologie. Der Utilitarismus gewinnt unter diesem Gesichtspunkt seine religiöse Färbung. Mit dieser Konkretion des Kultus hängt ein zweiter Zug des Kapitalismus zusammen: die permanente Dauer des Kultus. Der Kapitalismus ist die Zelebrierung eines Kultes sans rêve et sans merci. Es gibt da keinen Wochentag, keinen Tag der nicht Festtag in dem fürchterlichen Sinne der Entfaltung allen sakralen Pomps, der äußersten Anspannung des Verehrenden wäre. Dieser Kultus ist zum dritten verschuldend. Der Kapitalismus ist vermutlich der erste Fall eines nicht entsühnenden, sondern verschuldenden Kultus.“
(Walter Benjamin, Kapitalismus als Religion, Fragment von 1920)
Gedanken zu „This Is Water“
Worshipping – Die Anbetung, wie David Foster Wallace es betitelt, gewisser menschlicher Attribute scheint seine Ursachen zunächst in der Notwendigkeit Ansprüchen ökonomischer wie sozialer Art genügen zu müssen zu haben, um ein Leben innerhalb der bestehenden Gesellschaft erfolgreich gestalten zu können. Hiermit zusammen hängt der Wunsch nach guter Reputation. In einer guten Reputation kann sich zum einen der ökonomische Erfolg eines Individuums widerspiegeln, zugleich kann sie selbst Einfluss auf eben diesen ausüben. Warum aber kommt es zu einer derartigen Verklärung der realen menschlichen Verhältnisse, wie sie die Anbetung darstellt, gerade in unserer scheinbar weitgehend säkularen Zeit?
Wer nicht länger religiösen Konstrukten anhägt, metaphysische Figuren wie Götter anbetetet, huldigt doch mehr als je zuvor der Ware, als Ausdruck der universellen Bedürfnisbefriedigung, die Genuss verspricht, der nie an sich verwirklicht werden kann, da dies als Vorbedingung einer Form bedürfe, die nicht länger verdinglichte Arbeitskraft ist, die ihres Doppelcharakters beraubt würde. Dies ist die Demaskierung des Fetischs und mit ihm das Ende aller Unterwerfung unter ihn. Die sogenannte Anbetung stellt in diesem Zusammenhang die positive Verklärung des Warenfetischs dar. Der entfremdete Mensch überträgt die Magie der produzierten Ware auf die Ware, die er selbst zu Markte trägt, sich selbst und seine Arbeitskraft, er verklärt sein trostloses, genussloses Leben aus Strategie. Bei diesem Vorgang könnte man den Begriff der Attributisierung der Individualität verwenden, was nichts anderes meint als die Aufgabe der eigenen Individualität zugunsten von ökonomischer und sozialer Verortung und Vermarktung.
Die Wenigsten nur werden den Zustand, den sie ökonomisch und sozial erhalten, als zufriedenstellend empfinden. Die immer neu kreierten Bedürfnisse sorgen für stetige Änderung sowohl im ökonomischen, als auch im sozialen Bereich. Ein Gefühl der Zufriedenheit kann hier kaum für den Einzelnen erlangt werden, denn die immer neuen Bedürfnisse sind nicht seine eigenen, sondern entspringen den Notwendigkeiten kapitalistischer Produktionsweise. Diese Bedürfnisse werden mit aller Härte durchgesetzt. So zeigt sich der Januscharakter selbst der mobilen Telephonie, die wir alle als großen Segen ansehen. Wird aber in Unternehmen von den Mitarbeitern verlangt nun auch im Urlaub oder allgemeiner in der Sphäre, die als Freizeit bezeichnet wird, erreichbar zu sein, erweist sich das Handy in gleichem Maße als eine Errungenschaft für die individuelle Freiheit, genauso aber auch als ein Instrument der Herrschaftsausübung.
Auf die Arbeitnehmer übertragen heißt der Imperativ: Funktioniere so wie du benötigt wirst. Sie bereit flexibel zu sein, sei kreativ, wenn es benötigt wird und übernehme eigene Verantwortung. Dass diese möglicherweise gar nicht übernommen werden kann, spielt hierbei keine Rolle. Wir übertragen diese Forderungen auch auf die soziale Sphäre, formulieren sie und sind auch gezwungen dies zu tun, sowohl an unsere Mitmenschen, als auch an uns selbst. Alles wird reduziert auf die Warenform, nur das konsumierbare verspricht Befriedigung. Bedürfnisse, die über diese konsumierbare Form hinausweisen, wie das Bedürfnis sich um andere Menschen zu kümmern, und sei es um den Willen, dass sich auch um einen selbst gekümmert werde, treten in den Hintergrund und kommen nur dann wirklich hervor aus ihrem Platz in der zweiten Reihe, wenn sie in eine konsumierbare Form gebracht worden. An die Stelle wirklicher menschlicher Beziehungen tritt das Warenverhältnis, oder schöner es werden neue Arbeitsplätze im Dienstleistungssektor geschaffen.
Dass niemand den eigenen wie fremden Ansprüchen, die ja ständig dem Wandel unterworfen sind, dabei je genügen kann, führt zu einem allgemeinen Gefühl der Minderwertigkeit, die bei einigen in der Depression mündet.
Die durchattributisierte Gesellschaft begreift die Welt in Marken und Images. So kann selbst einfaches Mineralwasser im Kapitalismus „Lebendig.Nordisch.Frisch“(Vilsa) werden.
Wissenschaftlich betrachtet bleibt es Wasser, ökonomisch wird es aber zur Ware mit ihrer ganz eigenen Magie.
Da wir es hierbei mit unbewussten Vorgängen zu tun haben, besteht die Aufgabe darin dies bewusst zu machen, um sein eigenes Verhalten besser verstehen zu können. Dabei kann die Literatur ergänzend zu den analytischen Geisteswissenschaften bei dieser Bewusstwerdung helfen. Die Auseinandersetzung mit den bestehenden Antagonismen und der Rolle des Individuums und seiner unterbewussten Konflikte sind das was den modernen Roman und vor allem das Werk von Foster Wallace prägen.
.., wenn die Rolle zu einem sozialen Maß gemacht wird, so wird darin perpetuiert, daß die Menschen nicht die sind, die sie selbst sind, also unidentisch sind. Ich finde die normative Wendung des Rollenbegriffs abscheulich, und man muß mit aller Kritik dagegen angehen. Aber phänomenologisch, also als Beschreibung eines Tatbestandes, ist etwas dran.“
(Theodor W. Adorno, „Erziehung zur Mündigkeit“)
Im folgenden Text möchten wir die soziologische Rollentheorie nach Ralf Dahrendorf darstellen, um im Anschluss eine adäquate Kritik daran zu formulieren.
Ralf Dahrendorf (1929-2009) war unter Anderem Träger des „Sigmund-Freud-Preises für wissenschaftliche Prosa“, Soziologe, liberaler Politiker und einigen möglicherweise bekannt, durch seine öffentliche Diskussion mit Rudi Dutschke.
In seinem Modell des „homo sociologicus“ ( lat.: der Mensch wie er von der Soziologie betrachtet wird) stellt er den Menschen in Beziehung zur Gesellschaft und den Institutionen, durch die er im Zusammenhang mit der Gesellschaft steht dar. Definiert wird der Mensch dabei über die Rollen und Positionen, die er in der Gesellschaft einnimmt, bzw. von der Gesellschaft zugeschrieben bekommt, oder sich selbst konstruiert, sogenannte Positionsfelder (z.B. weiblich, amerikanische Staatsbürgerin, Akademikerin etc.). Die Rollen, die ein Mensch in der Gesellschaft einnimmt, oder die ihm zugeschrieben werden, setzen gewisse rollen- und positionsspezifische Verhaltensweisen und Erwartungen voraus, und eine sich daraus ergebende Konformität mit den vorgeprägten Rollen.
In einem Beispiel von Dahrendorf selbst charakterisiert er einen fiktiven Herrn Schmidt über 15 Positionsfelder. Es sei jedoch schon hier angemerkt, dass wir meinen möchten, dies könne einen Menschen nur unzureichend charakterisieren, da ein Mensch in seiner Charakterstruktur in der Regel eine signifikante Mehrdimensionalität an den Tag legt und darüber hinaus teilweise sich widersprechende Rollen einnimmt , hierbei wird dann vom Rollenkonflikt gesprochen.
Die bestehende Gesellschaft, und noch viel stärker die ihr vorhergegangen Gesellschaften sind, um ihr Fortbestehen zu sichern, darauf angewiesen, dass die Individuen die Verhältnisse und die damit verbundenen Erwartungen, die an die eigene Person und ihr Verhalten innerhalb von Gesellschaft gestellt werden, entsprechend zu internalisieren und wiederzugeben.
Die Sozialisation in den Positionsfeldern beinhaltet, dass spezifische Erwartungen an die Menschen gestellt werden, denen sie zu entsprechen haben. Jeder Mensch nimmt situationsabhängig verschiedene, sich teilweise widersprechende (berufliche und private) Rollen ein.
Sei es zum Beispiel die schizophrene Existenz der Menschen innerhalb der kapitalistischen Vergesellschaftung, in der die Individuen einem außerordentlich dicht gesponnenen Netz an gesellschaftlichen Zwängen unterliegen, zum Einen fähig zu sein mit anderen Individuen zusammenzuarbeiten, (friedlich) in Gesellschaft zu leben, und zum Anderen in permanenter Konkurrenz zu den übrigens Individuen zu stehen, nebst dem inneren Zwang zum Selbstzwang unterliegen.
Ebenso ist festzustellen, dass die gesellschaftlichen und privaten Rollen historisch Gewordenes sind, und sich im besonderen Hinblick auf die ökonomischen Verhältnisse abstimmen und umformen. So ist die Rollenverteilung der Kleinfamilie eine im historischen Rahmen betrachtet vergleichsweise junge Konstruktion und auf heutige Verhältnisse übertragen bereits der Lebensrealität vieler Familien nicht entsprechend. Durch Mechanisierung und Automatisierung war es überhaupt erst möglich die Rollenverteilung von dem erwerbstätigen Mann (Produktion) und der für Erziehung und Haushalt verantwortlichen Frau (Reproduktion) hervorzubringen. Da beispielsweise in der Urgesellschaft, oder anderen früheren Gesellschaftsformen, die Arbeit derartig schwer war, dass alle, die auch nur irgendwie in der Lage waren daran mitzuwirken, diese tun mussten. Die Kleinfamilie, in dieser Form, war erst ein Produkt der Epoche des aufstrebenden Bürgertums und der, sich in den Metropolen entwickelnden, Industrialisierung.
Hieran wird forderst, global formuliert, evident, dass gesellschaftlichen Veränderungen zumeist ökonomische Veränderungen vorausgehen, und konkret, dass die Rollenverhältnisse sich der ökonomischen Produktionsweise anpassen, sich auch mit ihr umformen und daher nichts statisches, und erst recht nichts naturwüchsiges sind.
Max Horkheimer formulierte in seinem Text „Die Anfänge der bürgerlichen Geschichtsphilosophie“, dass die „Verewigung von zeitlich Gültigem“ seit Machiavelli ein Merkmal der Geschichtsphilosophie geblieben sei. Dass die Geschichtsphilosophie also häufig nicht im Stande, oder Willens ist eine materialistische Analyse zu tätigen, welche die Verhältnisse nicht nur beschreibt, sondern auch transparent macht, wie sie sich gebildet haben und ferner die immer wahrscheinliche Möglichkeit von gesellschaftlicher Veränderung berücksichtigt. So bedarf es nur diesem materialistischen Blick in die Geschichte um festzustellen, dass Gesellschaften sich entwickeln und damit ehemals gültiges seine Gültigkeit verlieren kann. Der Zusammenhang von Ökonomie und Gesellschaft ist in dieser enthistorisierten Sichtweise absolut gesetzt, und bricht mit der Fortschrittsidee, das Fortschreiten von Gesellschaft, wie wir sie in der bürgerlichen Aufklärung als auch im Marxismus vorfinden. Ein Fortschrittsgedanke der sowohl bei Kant als auch bei Marx in der Weltgesellschaft münden sollte. Der apriorische Gültigkeitsanspruch, den die Gesellschaften an sich erheben, manifestiert sich beispielsweise in dem von vielen populärwissenschaftlichen Historikern verwendeten Vokabular, wenn die Schreckensherrschaften im Osten etwa fälschlich, als „Kommunismus“ bezeichnet werden. Die antikommunistische Ideologie vermag es immer noch sich gesellschaftliche Diskurse über „den Kommunismus“, sprich eine ernsthafte Debatte über freiheitlichere Konzepte zur Gestaltung der Gesellschaft, jenseits von Staat und Kapital, zu verbieten.
Selbstverständlich ist der deutliche Unterschied zu beachten zwischen einem historisch-empirischen Begriff von Kommunismus und einem philosophischen Verständnis von selbigem.
Zu der Enthistorisierung von Gesellschaft und ihrem immanenten herrschaftserhaltenden Moment passt vermutlich ein Begriff, der in unseren Tagen eine gewisse, mehr als zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat; „alternativlos“.
Diese fortschrittsfeindliche Tendenz ließe sich etwa so zusammenfassen; es wird nicht versucht die Welt nach den Bedürfnissen der Menschen vernünftig einzurichten, sondern die Menschen haben sich den vorgegebenen Konventionen und Gegebenheiten anzupassen. Die unbedingte Anerkennung der bestehenden Rollen und der Verhältnisse betreffend konstatierte der Soziologe Werner Hofmann in seinen „Beiträgen zur Wissenschaftssoziologie“ für das Individuum in der sozialisierten Welt „seine Freiheit besteht darin, das Erwartete zu seinem eigenen Willen zumachen“, sprich Internalisierung und Wiedergabe der Erwartungen.
Und so werden durch Internalisierung, die gesellschaftlichen Rollen und Positionen, denen jeweils auch kulturspezifische Vorstellungen und Konventionen zu Grunde liegen, als unveränderliche Gegebenheit festgesetzt. Die Erwartungen erfüllen, Konformität mit den vorgeprägten Rollen in der sozialisierten Welt bedeutet immer eins: produktiv sein.
Und der Rollenkonflikt des Individuums, das nicht mehr kann, oder nicht mehr will, „das erschöpfte Selbst“ (Alain Ehrenberg) manifestiert sich merklich in einer Vielzahl von depressiven Erkrankungen, wie etwa dem Burn-out.
Dem Erziehungsziel der Mündigkeit wird die Rollentheorie nicht gerecht, denn Mündigkeit und Erziehung zu selbiger würde unweigerlich implizieren, die gesellschaftlichen Rollen und Verhältnisse kritisch zu hinterfragen und von der Möglichkeit des Widerspruchs Gebrauch zu machen. Diesbezüglich ist anzumerken, dass Mündigkeit überhaupt die Grundlage, die Bedingung für eine lebendige Gesellschaft und eine korrekt durchgeführte Demokratie ist und die Voraussetzung der Individuation eines Jeden. Wohingegen Konformismus eine lebendige Gesellschaft erstarren lässt, oder das Potenzial emanzipatorischer Tendenzen verstellt.
Es ist festzustellen, dass enthistorisierte oder finalistische Sichtweisen, wie etwa das Gerede vom „Ende der Geschichte“ eines Francis Fukuyama, schon seit geraumer Zeit ihren festen Platz in den akademischen Disziplinen gefunden haben. Um so dringlicher ist eine materialistisch-dialektische Kritik der Verhältnisse, da Rollen und gesellschaftliche Verhältnisse nicht unveränderlich sich, sie sind von Menschen konstruiert und können von Menschen umgeformt oder aufgehoben werden.
Dies berücksichtigend möchten wir auf Karl Marx verweisen, dass der Kommunismus überhaupt erst der Beginn der wirklich menschlichen Geschichte sei.
Der folgende Kommentar wurde von uns vor einer Woche als Reaktion auf die Auflösungserklärung der Gruppe „Wir wollen leben“ verfasst und auf deren Seite zuerst veröffentlicht. Bis November letzten Jahres verlinkten wir auf diese Seite, bis in dem Artikel: „Coolness, Aktivismus und Alkohol“ der ganze Stumpfsinn, die Geistesfeindlichkeit und der Idealimus, der Gruppe, kulminierten und die Verlinkung auf diesen Blog uns als nicht länger tragbar erschien.
Zwei Monate haben wir uns Zeit gelassen um die Auflösung eures Blogs zu kommentieren. Zwei Monate in denen wir uns klar werden wollten und geworden sind, über das was ihr uns und der Welt in der allzu kurzen Zeit eures Bestehens zu sagen hattet…
Schluss mit dem solidarischen Rumgenöle. In diesem Falle drängt es sich auf antagonistisch mit dem Panzer über die Unvernunft hinwegzurumpeln.
Gerade der letzte veröffentlichte Artikel über Alkohol und “Aktivismus” zeugt neben der erstaunlichen Oberflächlichkeit mit dem das Thema behandelt wird auch von einer enormen Substanzlosigkeit. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die Straight-Edge-Lustfeindlichkeit, die diesen Artikel prägt sich in keinem Fall mit der Idee einer befreiten Gesellschaft, hier Kommunismus genannt, vereinen lässt. Denn bei Straight-Edge handelt es sich um eine Ideologie, die in höchstem Maße idealistisch ist. Also gerade auf die Veränderung des Menschen abzielt und keineswegs auf die der Gesellschaft, der er/sie entspringt und der Aufhebung der Zwänge, denen er/sie unterliegt. Dies ist unserer Auffassung nach nicht nur schlicht falsch, sondern geradezu menschenfeindlich. Das Individuum mit seinen Bedürfnissen, auch dem nach Bewusstseinsveränderung (Betäubung, wie ihr nahe legt ist mehr als verkürzt) wird verkannt. Eine materialistische Kritik müsste den Fokus auf die gesellschaftlichen Ursachen des Drogenkonsums setzen.
Auch Erwähnung muss hier finden, was für eine unsägliche Anmaßung, der von euch verwendete Begriff des “kommunistischen Aktivismus” darstellt. Wenn es doch in der völlig falsch eingerichteten Welt allerhöchstens so etwas geben könnte wie kommunistische Kritik, zu der dieser Text wahrlich nichts beisteuert – aber auch rein garnichts!!!
Dies alles wird nur übertroffen von der pathetischen Terminologie eurer Auflösungserklärung. Selbst die RAF hat sich mit weniger Pathos aufgelöst als ihr.
Einzig dem Aufkleberdesign scheint man ja einigermaßen mächtig zu sein, keineswegs aber eurer eigenen Terminologe, wie sonst ließe es sich erklären, dass ihr als Grund für die Auflösung eurer Gruppe unter anderem die zu homogene? politische Ausrichtung anführt.
“Vor allem muß ich mich beim Leser dafür entschuldigen, daß ich mich mit der Antwort verspätet habe. Nichts zu machen: Die Umstände haben mich genötigt, auf einem anderen Gebiet zu arbeiten, und ich war gezwungen, die Antwort eine Zeitlang zu verschieben;ihr wißt selber, daß wir nicht über uns verfügen” – Aus: Stalin, Josef. 1905: “Anwort an den Sozialdemokrat”
Wer sich selbst ein Bild von der Gruppe und ihren Hinterlassenschaften im Äther machen möchte, kann dies hier tun